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Hintergründe zu Kontroversen

 

Tibetischer Buddhismus

 

 

Geschichte des Buddhismus in Tibet und Bildung der tibetisch-buddhistischen Schulen

Tibetische Historiker geben als Beginn der Verbreitung des Buddhismus in Tibet das Jahr 233 v. u. Z. an. Legenden berichten, dass in dieses Jahr auf magische Weise buddhistische Schriften in Sanskrit und Reliquien auf dem Dach des Palastes des Königs Totori Nyentsen erschienen.[1] Eine andere tibetische Quelle sagt aus, dass diese aus Indien eingeführt wurden, der König aber ihren Ursprung verbarg, nachdem er einen Traum hatte, dass erst vier Generationen später ein König in der Lage sein würde, diese Schriften zu lesen und zu verstehen.[2]

Die eigentliche erfolgreiche erste Übertragung und Adaption des Buddhismus in Tibet fällt in die Zeit des tibetischen Königs Songtsen Gampo (ca. 604-650).[3] Bevor er an die Macht kam, war Tibet kulturell und politisch zersplittert. Unter seiner militärischen Führung wird Tibet zu einer Hauptmacht in Zentralasien, und am Ende seiner Herrschaft ist Tibet auf dem Weg zur kulturellen Einheit. Songtsen Gampo entsendet den Gelehrten Tönmie Sambhota und einige Studenten nach Indien, um das Tibetische Alphabet nach dem Vorbild des Sanskrit-Alphabetes zu entwickeln und festzuschreiben. Die Einführung und die Festlegung der tibetischen Schrift und Grammatik bildet die Grundlage sowohl der neuen intellektuellen buddhistischen Kultur als auch der soziokulturellen und politischen Entwicklung.[4] In der tibetisch-buddhistischen Geschichtsschreibung wird Songtsen Gampo später als der erste von drei religiösen Königen bezeichnet. Die anderen beiden religiösen Könige Tibets sind Trisong Detsen und Relbachen.

Bevor der indische Buddhismus der Sanskrit-Tradition in Tibet Fuß fassen konnte, war die verbreitete Religion in Tibet die Bön Religion. Der Bön dieser Zeit wird als eine animistische oder schamanistische Naturreligion beschrieben, in der auch Tieropfer gemacht wurden. Durch den Einfluss und Dominanz des Buddhismus in Tibet hat sich ein ‚transformierter‘ Bön entwickelt, der sich stark dem Buddhismus angepasst hat und kaum noch von ihm zu unterscheiden ist.[5]

Wirklich bedeutsam und einflussreich wird der Buddhismus in Tibet aber erst durch die Aktivitäten des Königs Trisong Detsen (ca. 740-798),  der den Buddhismus als Staatsreligion einführt und das Kloster Samye gründet, Tibets erstes Hauptkloster buddhistischen Lernens. In Samye werden die ersten sieben Mönche auf Probe ordiniert, was später als der Beginn des Mönchstum in Tibet betrachtet wird.[6] Aus Indien eingeladen und angereist unterstützten Trisong Detsen bei der Verbreitung des Buddhismus in Tibet der Sanskrit-Gelehrte Acarya Shantarakshita und der tantrische Meister Padmasambhava. Trisong Detsen fördert aktiv die Übersetzung buddhistischer Schriften aus dem Sanskrit in das Tibetische, lädt dazu Übersetzer aus Indien, Kashmir und China ein und sendet junge Tibeter zur Ausbildung nach Indien.

Diese Entwicklung wird durch den dritten Dharmakönig, Relbachen, der 815 König Senalek ablöst, fortgesetzt und forciert. Die Periode seiner Herrschaft ist gekennzeichnet von einer umfassenden Förderung des Buddhismus und der buddhistischen Gemeinschaft (Sangha), die u.a. die Verfeinerung der tibetischen Schriftsprache einschließt und eine sorgfältige und präzise Übersetzung der indischen Sanskrit-Schriften in Kooperation von indischen und tibetischen Gelehrten gewährleistet. König Relbachen ist der Verbreitung des Buddhismus so sehr gewidmet und fördert ihn so stark, dass es zu Spannungen in seiner Regierung kommt, bis er schließlich von zwei seiner Ministern umgebracht und zwei Jahre später von König Lang Darma, der von 838-842 regiert, ersetzt wird.[7]

Die Nyingma Schule („Schule der ursprünglichen Übersetzung“) des Tibetischen Buddhismus beruft sich auf diese Periode der ersten Ausbreitung und Übertragung des Buddhismus von Indien nach Tibet. Sie hat anfangs nur wenige klösterliche Zentren und besteht meist aus tantrischen Praktizierenden, die in ihren eigenen Familien leben und praktizieren. Später entstehen aber viele klösterliche Zentren und Institutionen, wie Kathog (1159) als erstes von sechs großen Nyingma Klöstern. Die heute gegenwärtigen hauptsächlichen sechs Nyingma Schulen sind mit diesen sechs großen Nyingma Klöstern verbunden. Dies sind das Sechen Kloster, das Dzogchen Kloster, Kloster Kathog, Kloster Mindroling und das Palyul und Dorje Drak Kloster. Die Nyingma Tradition konnte sich aus fast allen politischen Kämpfen heraushalten.[8]

König Lang Darma wird zugeschrieben, den Buddhismus aktiv verfolgt zu haben, so dass Buddhisten in den Untergrund gehen mussten. Lang Darma wird schließlich vom buddhistischen Mönch Belgyi Dorje ermordet. Danach bricht das Tibetische Imperium in Zentralasien zusammen, China erlangt die Kontrolle über seine ursprünglichen Gebiete zurück, bis 1247 Sakya Pandita Kunga Gyaltsen (1182–1251) von der Sakya Schule vom mongolischen Fürsten Godan, einem Enkel Dschingis Khans, als sein religiöser Lehrer und zum Oberherrn Tibets bestimmt wird.[9]

Die zweite Verbreitung des Buddhismus in Tibet geht gemäß traditioneller Quellen auf den westtibetischen König Tsenpo Khore zurück, der dem Königsthron entsagt und buddhistischer Mönch, mit dem Namen Yeshe Ö, wird. Um den Buddhismus zu neuer Blüte zu verhelfen, entsendet Yeshe Ö einundzwanzig begabte tibetische Mönche zum Studium nach Kashmir und Indien, von denen alle außer zweien, den später berühmt gewordenen Gelehrten und Übersetzer Rinchen Sangpo und Lekbe Sherap, sterben. Die Rückkehr von Rinchen Sangpo und Lekbe Sherap aus Indien im Jahr 978 zusammen mit einigen indischen Gelehrten, markiert die sogenannte „zweite Ausbreitung des Buddhismus“ in Tibet.[10] Rinchen Sangpo ist die bedeutendste tibetische Person dieser Zeit. Er betreut die Übersetzung zahlreicher Mahayana Sutras und Tantras und deren umfangreiche Kommentarliteratur aus dem Sanskrit ins Tibetische, reist siebzehn Jahre in Indien von Lehrer zu Lehrer, um Einweihungen,  mündliche Unterweisungen und Kopien buddhistischer Texte zu empfangen.

Diese Entwicklung wird zusätzlich beflügelt, als es Yeshe Ö unter großen Mühen und dem Preis seines eigenen Lebens schließlich gelingt, den herausragenden indischen Gelehrten und realisierten Meister Atisha (Dipamkara Shrijnana, 982-1054) aus Indien nach Tibet einzuladen. Atisha’s große Reputation, seine Gelehrsamkeit und sein Vorbild beeinflussen den Buddhismus in Tibet enorm und führten später dazu, dass durch die Aktivitäten seines Hauptschülers Dromdön (1008-1064) die Kadam Schule entsteht. Das Hauptkloster Reting wird im Jahre 1057 durch Dromdön gegründet. Atisha übersetzte eine Fülle der Geheimlehren des Vajrayana in das Tibetische, und viele Übertragungslinien des Vajrayana gehen auf Atisha zurück.[11]

Auch die Gründung des Kloster Sakya im Jahre 1073 durch Gönchog Gyelpo (1034-1102) von der Khön Familie, entsteht im Geist der Lehren und Reformen Atishas.[12] Die Gründung des Sakya Kloster ist der Grundstein für die Entstehung der Sakya Schule, die auf den Übersetzer Drogmi (992-1072) zurückgeht.[13]

Einhundert Jahre später entstehen Klöster der Kagyü Schule, z.B. das Drikung Thil Kloster, gegründet im Jahre 1167[14] durch Drikung Kyobpa Jigten Gönpo Rinchen Päl (1143-1217)  und das Kloster Tsurphu, das im Jahre 1189[15] durch den ersten Karmapa Düsum Khyenpa (1110-1193) gegründet wird. Karmapa Düsum Khyenpas Nachfolger Karma Pakshi (1204-1283) begründet das Tulku System der bewusst wiedergeborenen Lamas bei der Nachfolge politisch-religiöser Würdenträger.[16]

Der Begriff Kagyü bedeutet ‚mündliche Übertragung‘, und der Begriff kann theoretisch auf jede Übertragungslinie tantrischer Lehren von Meister zu Schüler angewandt werden.[17] Die Kagyü Tradition besteht aus zwei Hauptschulen. Dies sind die Dagpo Kagyü Schule, welche auf den indischen Meister Tilopa zurückgeht, und die Shangpa Kagyü Schule, welche auf die indischen Meisterinnen Niguma und Sukhasiddhi zurückgeht.

Die Dagpo Kagyü Schule umfasst vier Haupt- und acht Unterschulen, die auf Gampopa (1079-1153), einen Schüler der Kadampas und Milarepas (1040-1123), zurückgehen. Die vier Hauptschulen sind die Karma Kagyü Schule, deren Oberhaupt der Karmapa ist, die Tsalpa Kagyu, Barom Kagyu, und Phagtru Kagyu Schule. Die Phagtru Kagyu Schule wiederum besteht aus acht Unterschulen, die auf Schüler von Phagmo Drupa Dorje Gyalpo (1110-1170) zurückgehen. Von diesem acht existieren heute noch die Drikung Kagyü, Drukpa Kagyü und Taklung Kagyü Schule. Eine neuere Linie ist die Ugyen Nyendrup Kagyü Schule.[18]

Im 19. Jh. stand die Shangpa Kagyü Linie kurz vor dem Erlöschen und wurde von Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye im Rahmen der Rime-Bewegung wiederbelebt.

Im Jahre 1409 gründete der tibetische Gelehrte und Meister Tsongkhapa Lobsang Dragpa (1357–1419) das Kloster Ganden. Seine Nachfolger werden bekannt als Gandenpas und bezeichnen sich später als Gelugpas.[19] Tsongkhapas Lehrrichtung wird damit als Gelug Schule bekannt und einem seiner engsten Schüler, Gendün Drup (1391-1475), wird später posthum[20] vom mongolischen Herrscher Altan Khan der Titel des Ersten Dalai Lama verliehen.[21]

Damit wäre die Entstehung der vier existenten tibetisch buddhistischen Hauptlinien, Nyingma, Sakya, Kagyü und Gelug Tradition, kurz skizziert. Die Kernlehren der Kadam Tradition wurden in alle vier Traditionen integriert und um das 16. Jahrhundert hört sie auf, weiterhin als eigenständige Schule zu bestehen.[22]

Als Antwort auf zunehmendes Sektierertum und Intoleranz formiert sich Ende des 19. Jahrhunderts, hauptsächlich unter Jamyang Khyentse Wangpo und Jamgon Kongtrul Lodro Thaye, die Rime-Bewegung mit dem Ziel, einen Mittelweg zu finden, der die unterschiedlichen Sichtweisen und Stile der verschiedenen Traditionen für ihren individuellen Beitrag zum Buddhismus würdigt, statt sie als falsch zurückzuweisen oder sie zu marginalisieren und zu verbannen.[23] Rime ist keine eigenständige buddhistische Schule oder Tradition, sondern ein offener, unparteilicher und unsektiererischen Ansatz buddhistischer Praxis, in der der Adept in der Regel in einer Tradition verwurzelt ist und andere Traditionen respektiert und von ihnen lernt.[24]

Die Karmapas, die Dalai Lamas, Sakya Linienhalter, Je Tsongkhapa und bedeutende Nyingma und Kagyü Meister haben Lehren und tantrische Einweihungen von verschiedenen Schulen und Linien erhalten.

Die Dalai Lamas

Die Dalai Lamas

»Die Dalai Lamas werden von ihren Anhängern als fortgeschrittene Mahayana Bodhisattvas angesehen, mitfühlende Wesen, die sozusagen ihren eigenen Eintritt in das Nirvana zurückgestellt haben, um der leidenden Menschheit zu helfen. Sie sind demnach auf einem guten Wege zur Buddhaschaft, sie entwickeln Perfektion in ihrer Weisheit und ihrem Mitgefühl zum Wohle aller Wesen. Dies rechtertigt, in Form einer Doktrin, die soziopolitische Mitwirkung der Dalai Lamas, als Ausdruck des mitfühlenden Wunsches eines Bodhisattvas, anderen zu helfen.«

»Hier sollten wir zwei Dinge feststellen, die der Dalai Lama nicht ist: Erstens, er ist nicht in einem einfachen Sinne ein „Gott-König“. Er mag eine Art König sein, aber er ist kein Gott für den Buddhismus. Zweitens, ist der Dalai Lama nicht das „Oberhaupt des Tibetischen Buddhismus“ als Ganzes. Es gibt zahlreiche Traditionen im Buddhismus. Manche haben ein Oberhaupt benannt, andere nicht. Auch innerhalb Tibets gibt es mehrere Traditionen. Das Oberhaupt der Geluk Tradition ist der Abt des Ganden Klosters, als Nachfolger von Tsong kha pa, dem Begründer der Geluk Tradition im vierzehnten/fünfzehnten Jahrhundert.«

Paul Williams, »Dalai Lama«, in
Clarke, P. B., Encyclopedia of New Religious Movements
(New York: Routledge, 2006), S. 136.

Regierungsverantwortung
der Dalai Lamas

Nur wenige der 14 Dalai Lamas regierten Tibet und wenn, dann meist nur für einige wenige Jahre.

(Brauen 2005:6)

»In der Realität dürften insgesamt kaum mehr als fünfundvierzig Jahre der uneingeschränkten Regierungsgewalt der Dalai Lamas zusammenkommen. Die Dalai Lamas sechs und neun bis zwölf regierten gar nicht, die letzten vier, weil keiner von ihnen das regierungsfähige Alter erreichte. Der siebte Dalai Lama regierte uneingeschränkt nur drei Jahre und der achte überhaupt nur widerwillig und auch das phasenweise nicht allein. Lediglich der fünfte und der dreizehnte Dalai Lama können eine nennenswerte Regieruagsbeteiligung oder Alleinregierung vorweisen. Zwischen 1750 und 1950 gab es nur achtunddreißig Jahre, in denen kein Regent regierte!«

Jan-Ulrich Sobisch,
Lamakratie - Das Scheitern einer Regierungsform (PDF), S. 182,
Universität Hamburg

Der Fünfte Dalai Lama,
Ngawang Lobsang Gyatso

Der Fünfte Dalai Lama, Ngawang Lobsang Gyatso

»Der fünfte Dalai Lama, der in der tibetischen Geschichte einfach ›Der Große Fünfte‹ genannt wird, ist bekannt als der Führer, dem es 1642 gelang, Tibet nach einem grausamen Bürgerkrieg zu vereinigen. Die Ära des fünften Dalai Lama (in etwa von seiner Einsetzung als Herrscher von Tibet bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts, als seiner Regierung die Kontrolle über das Land zu entgleiten begann) gilt als prägender Zeitabschnitt bei der Herausbildung einer nationalen tibetischen Identität - eine Identität, die sich im Wesentlichen auf den Dalai Lama, den Potala-Palast der Dalai Lamas und die heiligen Tempel von Lhasa stützt. In dieser Zeit wandelte sich der Dalai Lama von einer Reinkarnation unter vielen, wie sie mit den verschiedenen buddhistischen Schulen assoziiert waren, zum wichtigsten Beschützer seines Landes. So bemerkte 1646 ein Schriftsteller, dass dank der guten Werke des fünften Dalai Lama ganz Tibet jetzt »unter dem wohlwollenden Schutz eines weißen Sonnenschirms zentriert« sei; und 1698 konstatierte ein anderer Schriftsteller, die Regierung des Dalai Lama diene dem Wohl Tibets ganz so wie ein Bodhisattva - der heilige Held des Mahayana Buddhismus - dem Wohl der gesamten Menschheit diene.«

Kurtis R. Schaeffer, »Der Fünfte Dalai Lama Ngawang Lobsang Gyatso«, in
DIE DALAI LAMAS: Tibets Reinkarnation des Bodhisattva Avalokiteśvara,
ARNOLDSCHE Art Publishers,
Martin Brauen (Hrsg.), 2005, S. 65

Der Fünfte Dalai Lama:
Beurteilungen seiner Herrschaft I

»Gemäß der meisten Quellen war der [5.] Dalai Lama nach den Maßstäben seiner Zeit ein recht toleranter und gütiger Herrscher.«

Paul Williams, »Dalai Lama«, in
(Clarke, 2006, S. 136)

»Rückblickend erscheint Lobsang Gyatso, der ›Große Fünfte‹, dem Betrachter als überragende, allerdings auch als widersprüchliche Gestalt.«

Karl-Heinz Golzio / Pietro Bandini,
»Die vierzehn Wiedergeburten des Dalai Lama«,
O.W. Barth Verlag, 1997, S. 118

»Einmal an der Macht, zeigte er den anderen Schulen gegenüber beträchtliche Großzügigkeit. [...] Ngawang Lobsang Gyatso wird von den Tibetern der ›Große Fünfte‹ genannt, und ohne jeden Zweifel war er ein ungewöhnlich kluger, willensstarker und doch gleichzeitig großmütiger Herrscher.«

Per Kvaerne, »Aufstieg und Untergang einer klösterlichen Tradition«, in:
Berchert, Heinz; Gombrich, Richard (Hrsg.):
»Der Buddhismus. Geschichte und Gegenwart«,
München 2000, S. 320

Der Fünfte Dalai Lama:
Beurteilungen seiner Herrschaft II

»Viele Tibeter gedenken insbesondere des V. Dalai Lama bis heute mit tiefer Ehrfurcht, die nicht allein religiös, sondern mehr noch patriotisch begründet ist: Durch großes diplomatisches Geschick, allerdings auch durch nicht immer skrupulösen Einsatz machtpolitischer und selbst militärischer Mittel gelang es Ngawang Lobzang Gyatso, dem ›Großen Fünften‹, Tibet nach Jahrhunderten des Niedergangs wieder zu einen und in den Rang einer bedeutenden Regionalmacht zurückzuführen. Als erster Dalai Lama wurde er auch zum weltlichen Herrscher Tibets proklamiert. Unter seiner Ägide errang der Gelugpa-Orden endgültig die Vorherrschaft über die rivalisierenden lamaistischen Schulen, die teilweise durch blutigen Bürgerkrieg und inquisitorische Verfolgung unterworfen oder außer Landes getrieben wurden.

Jedoch kehrte der Dalai Lama in seiner zweiten Lebenshälfte, nach Festigung seiner Macht und des tibetischen Staates, zu einer Politik der Mäßigung und Toleranz zurück, die seinem Charakter eher entsprach als die drastischen Maßnahmen, durch die er zur Herrschaft gelangte. Denn Ngawang Lobzang Gyatso war nicht nur ein Machtpolitiker und überragender Staatsmann, sondern ebenso ein spiritueller Meister mit ausgeprägter Neigung zu tantrischer Magie und lebhaftem Interesse auch an den Lehren anderer lamaistischer Orden. Zeitlebens empfing er, wie die meisten seiner Vorgänger, gebieterische Gesichte, die er gegen Ende seines Lebens in seinen ›Geheimen Visionen‹ niederlegte.«

(Golzio, Bandini 1997: 95)

Der Dreizehnte Dalai Lama,
Thubten Gyatso

Der Dreizehnte Dalai Lama, Thubten Gyatso

»Ein anderer, besonders wichtiger Dalai Lama war der Dreizehnte (1876-1933). Als starker Herrscher versuchte er, im Allgemeinen ohne Erfolg, Tibet zu modernisieren. „Der große Dreizehnte“ nutzte den Vorteil des schwindenden Einflusses China im 1911 beginnenden Kollaps dessen Monarchie, um faktisch der vollständigen nationalen Unabhängigkeit Tibets von China Geltung zu verschaffen. Ein Fakt, den die Tibeter von jeher als Tatsache erachtet haben.«

Paul Williams, »Dalai Lama«, in
(Clarke, 2006, S. 137)

»Manche mögen sich vielleicht fragen, wie die Herrschaft des Dalai Lama im Vergleich mit europäischen oder amerikanischen Regierungschefs einzuschätzen ist. Doch ein solcher Vergleich wäre nicht gerecht, es sei denn, man geht mehrere hundert Jahre in der europäischen Geschichte zurück, als Europa sich in demselben Zustand feudaler Herrschaft befand, wie es in Tibet heutzutage der Fall ist. Ganz sicher wären die Tibeter nicht glücklich, wenn sie auf dieselbe Art regiert würden wie die Menschen in England; und man kann wahrscheinlich zu Recht behaupten, dass sie im Großen und Ganzen glücklicher sind als die Völker Europas oder Amerikas unter ihren Regierungen. Mit der Zeit werden große Veränderungen kommen; aber wenn sie nicht langsam vonstatten gehen und die Menschen nicht bereit sind, sich anzupassen, dann werden sie große Unzufriedenheit verursachen. Unterdessen läuft die allgemeine Verwaltung Tibets in geordneteren Bahnen als die Verwaltung Chinas; der tibetische Lebensstandard ist höher als der chinesische oder indische; und der Status der Frauen ist in Tibet besser als in beiden genannten Ländern.«

Sir Charles Bell, »Der Große Dreizehnte:
Das unbekannte Leben des XIII. Dalai Lama von Tibet«,
Bastei Lübbe, 2005, S. 546

Der Dreizehnte Dalai Lama:
Beurteilungen seiner Herrschaft

»War der Dalai Lama im Großen und Ganzen ein guter Herrscher? Dies können wir mit Sicherheit bejahen, auf der geistlichen ebenso wie auf der weltlichen Seite. Was erstere betrifft, so hatte er die komplizierte Struktur des tibetischen Buddhismus schon als kleiner Junge mit ungeheurem Eifer studiert und eine außergewöhnliche Gelehrsamkeit erreicht. Er verlangte eine strengere Befolgung der mönchischen Regeln, veranlasste die Mönche, ihren Studien weiter nachzugehen, bekämpfte die Gier, Faulheit und Korruption unter ihnen und verminderte ihren Einfluss auf die Politik. So weit wie möglich kümmerte er sich um die zahllosen religiösen Bauwerke. In summa ist ganz sicher festzuhalten, dass er die Spiritualität des tibetischen Buddhismus vergrößert hat.

Auf der weltlichen Seite stärkte er Recht und Gesetz, trat in engere Verbindung mit dem Volk, führte humanere Grundsätze in Verwaltung und Justiz ein und, wie oben bereits gesagt, verringerte die klösterliche Vorherrschaft in weltlichen Angelegenheiten. In der Hoffnung, damit einer chinesischen Invasion vorbeugen zu können, baute er gegen den Widerstand der Klöster eine Armee auf; vor seiner Herrschaft gab es praktisch keine Armee. In Anbetracht der sehr angespannten tibetischen Staatsfinanzen, des intensiven Widerstands der Klöster und anderer Schwierigkeiten hätte er kaum weiter gehen können, als er es tat.

Im Verlauf seiner Regierung beendete der Dalai Lama die chinesische Vorherrschaft in dem großen Teil Tibets, den er beherrschte, indem er chinesische Soldaten und Beamte daraus verbannte. Dieser Teil Tibets wurde zu einem vollkommen unabhängigen Königreich und blieb dies auch während der letzten 20 Jahre seines Lebens.«

Sir Charles Bell in (Bell 2005: 546-47)

Der Vierzehnte Dalai Lama,
Tenzin Gyatso

Der Vierzehnte Dalai Lama, Tenzin Gyatso

»Der jetzige vierzehnte Dalai Lama (Tenzin Gyatso) wurde 1935 geboren. Die Chinesen besetzten Tibet in den frühen 1950er Jahren, der Dalai Lama verließ Tibet 1959. Er lebt jetzt als Flüchtling in Dharamsala, Nordindien, wo er der Tibetischen Regierung im Exil vorsteht. Als gelehrte und charismatische Persönlichkeit, hat er aktiv die Unabhängigkeit seines Landes von China vertreten. Durch seine häufigen Reisen, Belehrungen und Bücher macht er den Buddhismus bekannt, engagiert sich für den Weltfrieden sowie für die Erforschung von Buddhismus und Wissenschaft. Als Anwalt einer „universellen Verantwortung und eines guten Herzens“, erhielt er den Nobelpreis im Jahre 1989.«

Paul Williams, »Dalai Lama«, in
(Clarke, 2006, S. 137)

Moralische Legitimation
der Herrschaft Geistlicher

Für Sobisch ist die moralische Legitimation der Herrschaft Geistlicher "außerordentlich zweifelhaft". Er konstatiert:

»Es zeigte sich auch in Tibet, daß moralische Integrität nicht automatisch mit der Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Menschen erlangt wird, sondern allein auf persönlichen Entscheidungen basiert. Vielleicht sind es ähnliche Überlegungen gewesen, die den derzeitigen, vierzehnten Dalai Lama dazu bewogen haben, mehrmals unmißverständlich zu erklären, daß er bei einer Rückkehr in ein freies Tibet kein politische Amt mehr übernehmen werde. Dies ist, so meine ich, keine schlechte Nachricht. Denn dieser Dalai Lama hat bewiesen, daß man auch ohne ein international anerkanntes politisches Amt inne zu haben durch ein glaubhaft an ethischen Grundsätzen ausgerichtetes beharrliches Wirken einen enormen Einfluss in der Welt ausüben kann.«

Jan-Ulrich Sobisch,
Lamakratie - Das Scheitern einer Regierungsform (PDF), S. 190,
Universität Hamburg

S.H. der XIV. Dalai Lama, Tenzin Gyatso Die Geschichte Tibets und die der tibetisch buddhistischen Traditionen sind sehr komplex und Religion und Politik sind eng miteinander verbunden.

Dem 5. Dalai Lama, Ngawang Losang Gyatso (1617-1682), wird zugeschrieben nach Zeiten innerer Unruhen in Tibet die zentrale politische und religiöse Macht auf sich vereint zu haben und „eine relativ stabile kulturelle und wirtschaftliche Blüte des Landes“ eingeleitet zu haben.[25] Seit dem 5. Dalai Lama sind die Dalai Lamas politische und religiöse Herrscher in Tibet; wobei die wenigsten umfassend Einfluss ausüben konnten, da sie entweder recht früh starben und Regenten die Macht ausübten oder sie mit politischen Opponenten konfrontiert waren, vor denen sie mitunter ins Ausland fliehen mussten. Erst der 13. und 14. Dalai Lama kommen zu ähnlichem Ansehen und Macht, wie der „große Fünfte“ Dalai Lama und beide sind Reformer des verkrusteten tibetischen Regierungssystems, das seit dem 5. Dalai Lama eng mit der Gelug Schule und ihren konservativen monastischen Institutionen verbunden ist.

Neben Reformen des Regierungssystems und dem Aufbau einer Armee zur Verteidigung Tibets leitet der 13. Dalai Lama, Thubten Gyatso (1876-1933), umfassende und dringend nötige gesellschaftliche und spirituelle Reformen ein. So beschneidet er u.a. die Rechte der Aristokraten, schwächt die weltliche Macht der Klöster, bekämpft Gier, Faulheit und Korruption unter Mönchen, stärkt Recht und Gesetz, führt humanere Grundsätze in Justiz und Verwaltung ein, stärkt Gerechtigkeit und die Rechte der armen Bevölkerung, und verbessert den Standard der monastischen und weltlichen Ausbildung und die Beziehungen Tibets mit dem Ausland. Die politische und geistliche Machtausübung des 5. und 13. Dalai Lama wird unter Tibetern, Asiaten und Westlern weitgehend positiv bewertet.[26]

Von allen religiösen Persönlichkeiten Tibets sind die Inkarnationslinien der Dalai Lamas und Karmapas sicher die bedeutendsten. Sowohl die Dalai Lamas als auch die Karmapas werden als Manifestationen des Bodhisattva des Mitgefühls, Chenrezig (Avalokiteshvara), angesehen und es heißt, ihre Inkarnationslinien wurden von Padmasambhava prophezeit.

Die Dalai Lamas sind jedoch weder „Gottkönige“ noch sind sie Oberhaupt der Gelugpas - letzteres sind die Ganden Tripas - und sie sind auch kein Oberhaupt des Tibetischen Buddhismus.[27] Viele tibetische Traditionen haben eigene nominelle Oberhäupter, einige haben keine. Obzwar der gegenwärtige 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, keinen offiziellen Titel eines Oberhaupts des Tibetischen Buddhismus besitzt, de facto und auch protokollarisch ist er politisches und spirituelles Oberhaupt der Tibeter.[28]

Der 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, der 1998 den Friedensnobelpreis und seit seiner Flucht aus Tibet zahllose Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden erhielt, wird weltweit in großer Verehrung gehalten: „die Tiefe seiner Gelehrsamkeit, Weisheit und tiefgründige Einsicht in die Natur des menschlichen Seins hat ihn hunderttausende Freunde auf der ganzen Welt gewinnen lassen. Sein Humor, Herzenswärme und mitfühlende Energie sind ein lebendiger Beweis der Kraft und Wirksamkeit des Tibetischen Buddhismus, und seines Wertes für die menschliche Gemeinschaft.“[29]

Tibetischer Buddhismus im Westen

Mit der Besetzung Tibets durch die Volksrepublik China im Jahre 1950 und der Flucht des 14. Dalai Lama und zehntausender Tibeter aus Tibet im Jahre 1959, kommen die über tausend Jahre bewahrten und praktizierten Lehren in die westliche Welt. Nach jahrhundertelanger Isolation bekommen nun viele bedeutende tibetische Meister, die aus Tibet ins Exil nach Indien oder Nepal flüchten mussten, Kontakt mit Menschen aus dem Westen, die ihrerseits auf der Suche nach Lebenssinn und spiritueller Entwicklung sind. Die Persönlichkeit der tibetischen Meister – häufig durchdrungen vom Resultat jahrzehntelangen Trainings in Weisheit, Liebe und Mitgefühl – wie auch ihr enormes Wissen über den Buddhismus, ihr Wissen und ihre Erfahrungen in meditativen Praktiken, haben den Westen nachhaltig beeinflusst. 

Nicht nur entstehen in der Folge der nationalen Tragödie Tibets vor allem in Europa und den USA zahlreiche Tibetisch-Buddhistische Zentren, sondern auch die moderne Wissenschaft erfährt einen nachhaltigen und noch andauernden Einfluss und Belebung durch den Tibetischen Buddhismus. So entstehen in den 60er Jahren zahlreiche Lehrstühle der Tibetologie, eine Fülle wissenschaftlicher Abhandlungen zur Philosophie des Tibetischen Buddhismus werden verfasst, Sutras und Tantras sowie deren Kommentarwerke werden übersetzt, die Geschichte Tibets wird erforscht, es gibt Forschungsprojekte zur Auswirkung der Meditation auf das Gehirn, die Gesundheit und das Wohlbefinden, Kooperation und Austausch zwischen buddhistischen Lehrern und Psychologen, Achtsamkeitstrainings u.v.m. 

Die Tibetische Exilgemeinde unter Führung des Dalai Lamas hat eine demokratische Verfassung entworfen, ein demokratisch gewähltes Exilparlament wurde installiert und die erfolgreiche Exilgemeinde der Tibeter kann durchaus als Modell und Vorbild für die ca. 33 Millionen offiziellen und inoffiziellen Flüchtlinge dieser Erde dienen, wie man trotz Exil und ohne eigenes Land, kulturelle Identität bewahren und gewaltfrei leben kann.[30]

Die Lehren des Tibetischen Buddhismus

Obwohl der Buddha seine Lehren nicht kategorisierte, kann man seine individuell gegebenen Lehren, in verschiedenen Sutras und Tantras niedergeschrieben und mündlich überliefert, in Kategorien darstellen, um Studium und Verständnis zu fördern. Eine übliche Darstellung im Tibetischen Buddhismus ist die Präsentation der Lehren in drei Gruppen von Unterweisungen: Shravakayana, Mahayana und Vajrayana.[31]

Für diese drei Gruppen von Unterweisungen, die vom Sanskrit in das Tibetische übersetzt wurden, gibt es ausführliche kanonische Literatur, wobei die Worte des Buddha in 108 Bänden des Kangyur (‚Die übersetzten Worte’) zusammengestellt wurden und die Kommentarliteratur, die aus 3.626 Texten besteht, in 224 Bänden des Tangyur (‚Übersetzte Abhandlungen’). Zusammen beinhalten Kangyur und Tangyur 4.569 Texte.[32] Da es verschiedene Ausgaben des Tangyur und Kangyur gibt, variieren die Anzahl und die Auswahl der eingebundenen Quellen.

Ergänzt mit einer vierten Kategorie, der Volksreligion, ergeben sich vier Schichten, die wechselseitig zueinander in Beziehung stehen und sich überlappen.[33]

1. Shravakayana – Das Fahrzeug der Hörer

Das Shravakayana wird oft als ‚Hinayana‘ (‚kleines Fahrzeug‘) bezeichnet, ein Begriff, der für viele einen herabsetzenden Beigeschmack hat. Einige buddhistische Lehrer vermeiden deshalb diesen Begriff.[34] Das Shravakayana beinhaltet die grundsätzlichen Unterweisungen des Buddhas, wie die Vier Edlen Wahrheiten, den Achtfachen Edlen Pfad und die Vinaya (Ethik der ordinierten Nonnen und Mönche) mit ihrem Herzstück der Pratimoksha (Lehre zur individuellen Befreiung), die auch die Ethik für nicht-Ordinierte (Laien-Gelübde) darlegt. Dies sind Lehren, wie man sie auch im Theravada Buddhismus vorfindet. Sie beinhalten die klassische buddhistische Weltsicht, die sich auf die Lehren über Samsara, Karma und die individuelle Befreiung konzentrieren.

Samsara ist der kontinuierliche leidvolle Kreislauf von Geburt und Todkontinuierlicher Geburten und Sterbens, der zutiefst unbefriedigend, voller Leid und von nur flüchtigem Glück ist, verursacht durch Handlungen (Karma), die in Verblendungen (klesha), wie Unwissenheit, Begierde und Wut, wurzeln. Der Weg zur Befreiung (moksha) ist der Achtfache Edlen Pfad, zusammengefasst in den Drei Höheren Schulungen von Ethik, Konzentration und Weisheit.

Im Tibetischen Buddhismus werden diese Lehren selten ausschließlich präsentiert, sondern sind fast immer verbunden mit der zweiten Schicht, den Lehren und Praktiken wie sie in den Mahayana Sutras gelehrt werden. Ohne die Basis der grundsätzlichen Lehren des Shravakayana, kann  man die Lehren des Mahayana und Vajrayana nicht verstehen.[35]

2. Mahayana – Das Vollkommenheitsfahrzeug des Bodhisattva

Die Mahayana Lehren betonen das Ideal des Bodhisattva, der nach der vollen Erleuchtung des Buddha strebt, um allen Wesen gemäß ihrer Kapazität zu helfen, eine der drei Arten der Erleuchtung zu erlangen, die eines Hörers (Shravaka), eines Alleinverwirklichers (Pratekyabuddha) oder die eines vollständig erwachten Buddhas (Samyaksambuddha). Dieses ambitionierte und anspruchsvolle Anliegen setzt eine außergewöhnlich großherzige und mutige Motivation voraus, deshalb wird dieser Weg in der Sanskrit Mahayana Literatur als Mahayana (‚großes Fahrzeug‘) bezeichnet.

Handlungen der Bodhisattvas schließen tätige Wohlfahrt ein und orientieren sich an der Kapazität und Wünschen, dem Wohlergehen der anderen. Im Mittelpunkt der Praxis eines Übenden dieses Weges steht vor allem die Entfaltung von unparteiischer Liebe und alle Wesen einschließenden Mitgefühls, einhergehend mit der stufenweise und sehr extrem langwierigen Entwicklung der Sechs Vollkommenheiten (Geben, Ethik, Geduld, Bemühen, Konzentration und Weisheit). Dieser Weg ist als Vollkommenheitsfahrzeug (Paramitayana) bekannt. Gemäß Mahayana hat der Buddha sich drei ‚unermessliche Weltzeitalter‘ (Äonen) in den Übungen eines Bodhisattvas geschult, um den Zustand der vollkommenen Erleuchtung zu erlangen, ein Zustand der frei ist von allen geistigen Schleiern - wie konflikterzeugenden Emotionen, Täuschung und Nicht-Wissen - und in dem alle heilsamen Qualitäten vollkommen entfaltet sind.

3. Vajrayana – Die Lehren des Geheimen Mantras

Diese Gruppe von Unterweisungen beinhaltet die Lehren der geheimen Tantras, auch als Geheimes Mantra oder Vajra-Fahrzeug (Vajrayana) bekannt. Das Fundament für die Praxis dieser anspruchsvollen Lehren ist eine stabile Entfaltung der vorher genannten Lehren im eigenen Geistesstrom. Die Lehren des Shravakayana und Mahayana werden nicht als verschieden vom Vajrayana betrachtet, sondern alle drei Fahrzeuge formen ein ganzheitliches System von Anweisungen.[36]

Die Lehren des Vajrayana sind äußerst komplex und ihre Bedeutung lässt sich nur schwer erschließen, deshalb spielt hier die enge Beziehung mit einem authentischen tantrischen Meister (Guru, Lama) für den Adepten eine außerordentlich wichtige Rolle. Da fast alle Tibeter Praktizierende des Vajrayana sind, hat die Betonung der Lehrer-Schüler-Beziehung in diesem Zusammenhang fälschlicher Weise dazu geführt, dass der Tibetische Buddhismus vor einiger Zeit noch als „Lamaismus“ oder degenerierte Form des Buddhismus bezeichnet wurde. Tatsächlich gibt es aber verschiedene, darunter nicht-tantrische Formen[37] der Lehrer-Schüler-Beziehung. Da die Lehren des tantrischen Buddhismus, die die Buddhaschaft in einem Leben versprechen, äußerst populär in Tibet wurden, wurden anfängliche Reglements, die den Zugang zum Tantra nur besonders qualifizierten Schülern nach eingehender beiderseitiger Prüfung erlaubten und so eine sinnvolle Qualitätskontrolle über die Praxis ausübten, allmählich ausgehöhlt.[38]

Vajrayana ist eine Methode für sehr begabte Praktizierende des Mahayana,[39] den langwierigen Weg eines Bodhisattvas über mindestens drei (jedoch auch bis zu einhundert) große Weltzeitalter dauernden Weg zur Buddhaschaft durch geschickte und effektive Methoden im besten Fall auf ein Leben zu verkürzen.

Schriften und Lehren des Vajrayana umfassen u.a. Meditationen über buddhistische Gottheiten, inneren Energiekanälen und Energiezentren (Chakren), aber auch die Mahamudra und Dzogchen Lehren sowie Lehren zu Heilung und Medizin.

4. Volksreligion

Neben diesen drei Schichten oder Gruppen von Unterweisungen des Tibetischen Buddhismus, stellt Dreyfus als vierte Schicht die ‚Volkspraktiken’ vor. Diese sind populär in der Kultur der Tibeter und eng mit dem Vajrayana verknüpft. Sie beinhalten u.a. Rituale für ein langes Leben, Exorzismus, Vermehrung von Reichtum, Rituale zum Abwenden von Hindernissen, Epidemien und Katastrophen; Rituale zur Heilung, Prophezeiung und der Kult von Hausgöttern und Orakeln. Meist sind diese Praktiken in den Tantras beschrieben und sie basieren auf tantrischen Visualisierungen.

 

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Literaturverzeichnis

Bell, S. C. (2005). Der Große Dreizehnte - Das unbekannte Leben des XIII. Dalai Lama von Tibet. Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe Taschenbuch.

Brück, M. v. (1999). Religion und Politik im Tibetischen Buddhismus. München: Kösel-Verlag.

Clarke, P. B. (2006). Encyclopedia of New Religious Movements. New York: Routledge.

Cozort, D. (. (2003). Buddhist Philosophy: Losang Gönchok's short Commentary to Jamyan Shayba's Root Text on Tenets. Ithaka, New York: Snow Lion Publications.

Dreyfus, G. B. (2003). The sounds of two hands clapping: The education of a Tibetan Buddhist monk. Berkeley and Los Angeles, California: University of California Press.

Jinpa, T. (. (2008). The Book of Kadam. The Core Texts. Wisdom Publications.

Kongtrul, J. (2007). The Treasury of Knowledge: Frameworks of Buddhist Philosophy. Ithaca, New York: Snow Lion Publication.

Powers, J. (1995). Introduction to Tibetan Buddhism. Ithaca, New York: Snow Lion Publications.

Rabjam, L. (2007). The Precious Treasure of Philosophical Systems. Junction City, California: Padma Publishing.

Ringu, T. (2005). Daring Steps to Fearlesness: The Three Vehicles of Buddhism. Ithaca, New York: Snow Lion Publications.

Ringu, T. (2006). The Ri-me Philosophy of Jamgön Kongtrul the Great: A Study of the Buddhist Lineages of Tibet. USA: Shambala Publications.

Samuel, G. (1993). Civilized Shamans: Buddhism in Tibetan Society. Washington D.C.: Smithsonian Institution Press.

Smith, E. G. (1970a, 2001). ´"Golden Rosaries of the Bka' brgyud schools" in 'Among Tibetan Texts: History and Literature of the Himalayan Plateau'. Boston: Wisdom Publications.

Stein, R. A. (1962). Tibetan Civilization. Stanford University Press.

Wilpert, C. B. (2001). Tibet. Buddhas - Götter - Heilige. Munich-London-New York: Prestel Verlag.

 

Fußnoten

[1] Powers, 1995:126

[2] Powers gibt Tsepon Shakabpa dafür als Quelle an, der wiederum eine tibetische Quelle zitiert.

[3] Dreyfus, 2003:17

[4] (Dreyfus, 2003:18) und (Powers, 1995:128)

[5] mehr zur Bön Religion siehe (Powers 1995:431-47)

Ringu Tulku Rinpoche merkte 2009 in Berlin an, dass S.H. der Dalai Lama betont, dass Bön keine buddhistische Tradition sei. Die Einteilung Sir Charles Bells in ‚schwarzen‘ und ‚weißen‘ Bön, erscheint nach wie vor korrekt. Von dieser Beobachtung ausgehend, gibt es gegenwärtig zwei Linien des Bön, der sogenannte ‚schwarze‘ (animistische) Bön  und der ‚weiße‘ (durch den Einfluss des Buddhismus reformierte) Bön. Ringu Tulku bemerkte, dass z.B. in Sikkhim die Linie des ‚untransformierten Bön‘ nach wie vor existiert und dass Behauptungen über die Jahrtausende alte Existenz von Schriften der Vertreter des ‚transformierten Bön’, historisch schwer nachvollziehbar seien. Vertreter des ‚transformierten Bön‘, wie z.B. Geshe Tenzin Wangyal Rinpoche, sehen sich selbst als Buddhisten, da sie die Zuflucht zu den Drei Juwelen anerkennen, das Gesetz von Ursache und Wirkung und ein Leben nach dem Tod akzeptieren und auch alle Phänomene als leer [von inhärenter Existenz] betrachten; Punkte, die wesentliche Grundprinzipien des Buddhismus seien. (s.a. Interreligiöser Dialog [mp3 Aufzeichnung] zwischen Ringu Tulku Rinpoche und Tenzin Wangyal Rinpoche, August 2009, Berlin.)

[6] Powers, 1995:129

[7] Powers, 1995:133-34

[8] Dreyfus, 2003:24

[9] (Powers, 1995:136); (Dreyfus, 2003:23); siehe auch von (Brück, 1999:49ff)

[10] Powers, 1995:136

[11] Jinpa, 2008:5

[12] Brück, 1999:49

[13] Dreyfus, 2003:23

[14] Brück, 1999:51

[15] Powers, 1995:136

[16] Brück, 1999:55

[17] Smith, 1970a, 2001:40

[18] Powers, 1995:349

[19] Preston & Cozort, 2003:IX

[20] Erst der dritte Dalai Lama, Sönam Gyatso (1543-1588), bekam den Titel „Dalai Lama“ (Ozean der Weisheit) von Altan Khan verliehen, dadurch wurde Gendün Drup posthum zum ersten Dalai Lama. S.H. der 14. Dalai Lama widerspricht der Darstellung der Verleihung eines Titels „Dalai Lama“ und vertritt die Ansicht, dass Dalai Lama eine Übersetzung des Namens Sönam Gyatso in das Mongolische ist. (Laird, Thomas (2006). The Story of Tibet: Conversations with the Dalai Lama, pp. 142. Grove Press, New York.)

[21] Brück, 1999:62

[22] Jinpa, 2008:10

[23] Elizabeth M. Callahan in (Kongtrul, 2007:10)

[24] Ringu Tulku, 2006:2

[25] Brück, 1999, S. 64

[26] z.B. Paul Williams in (Clarke, 2006, p. 136): »By most accounts the [5th] Dalai Lama was by the standards of his age a reasonably tolerant and benevolent ruler.« und »The other Dalai Lama who was particularly important was the Thirteenth (1876-1933). A strong ruler he tried, generally unsuccessfully, to modernize Tibet. The 'Great Thirteenth' also took advantage of weakening Chinese influence in the wake of the 1911 imperial collapse to reassert de facto what Tibetans have always considered to be truly the case, the complete independence of Tibet as a nation from China.« (p. 137) oder (Bell, 2005, S. 546) »War der [13.] Dalai Lama im Großen und Ganzen ein guter Herrscher? Dies können wir mit Sicherheit bejahen, auf der geistlichen ebenso wie auf der weltlichen Seite.« für Bells Begründung siehe S. 544-547. Sir Charles Bells Werk wurde die Auflistung einiger der Leistungen des 13. Dalai Lamas entnommen.

[27] Paul Williams in (Clarke, 2006, p. 137). Von Brück geht detailliert auf die ‚modernen Projektionen‘ und ‚Angriffe gegen den Tibetischen Buddhismus‘ ein, die ‚weder neu noch originell und selten von abwägender Sachkenntnis geleitet [sind].‘ Er erklärt: »Der Begriff ›Gottkönig‹ hat sich bis heute gehalten und wird fälschlicher Weise auf den Dalai Lama angewendet, der weder Gott (die buddhistische Kultur, auch die tibetisch-buddhistische, kennt keine Gottesvorstellung im westlichen Sinne) noch ein König ist. Ein König zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er dynastisch seinem Vorgänger folgt, und genau das ist bei den Dalai Lamas nicht der Fall. Der Dalai Lama ist auch kein ›orientalischer Despot‹, der dem westlichen Klischee vom orientalischen Herrscher, der willkürlich und in verschwenderischem Luxus regiert, entsprechen würde…« (von Brück, 1999:27-28)

[28] Robert Barnett bemerkt dazu »For example, the perception of the Dalai Lama as supreme pontiff of Tibetan Buddhism is a recent phenomenon, reported to be an arrangement that other religious schools reached in the 1960s partly to simplify their relations with foreigners.« Essay: The Tibetans in Lehman, Steve and Robert Barnett (1998): The Tibetans—Struggle to Survive; New York: Umbrage, p. 192; siehe auch Biography by Nobleprize.org http://nobelprize.org/nobel_prizes/peace/laureates/1989/lama-bio.html

[29] (Powers, 1995, p. 187) Powers zitiert Mullin, Glenn (1982). Selected Works of the II Dalai Lama, Seite 220

[30] Pico Iyer, „A Monk’s Struggle“, Time Magazine, 19.03.2008

[31] Ringu Tulku, 2005:15

[32] Stein, 1962:152

[33] (Dreyfus, 2003:18) Georges Dreyfus schlägt dieses Modell vor. Während die Nyingma Schule neun Yanas (Fahrzeuge) präsentiert, dessen höchstes Fahrzeug Ati-Yoga, die Dzogchen Lehren, sind, sind für die Gelug, Sakya und Kagyü Schulen eine Präsentation in drei Fahrzeugen, Shravakayana, Mahayana und Vajrayana üblich.

[34] (Ringu Tulku, 2005:15) Auch der S.H. der 14. Dalai Lama vermeidet diesen Begriff und benutzt stattdessen die Begriffe ‚Pali-Tradition‘ und ‚Sanskrit-Tradition‘.

[35] Ringu Tulku, 2005:16

[36] Ringu Tulku, 2005:16

[37] Wilpert, 2001:14-15

[38] (Wilpert, 2001:15) Der tibetische Historiker Wangpo Tethong merkt an, dass tantrische Einweihungen früher nur an ausgesuchte Schüler weitergegeben wurden, die vom Lehrer über sechs Jahre geprüft wurden. »Die Schüler selbst wurden dazu angehalten, sich nicht wie ‚nach Innereien gierende Schakale‘ auf die tantrischen Lehren zu stürzen, sondern ihrerseits den Meister sechs Jahre lang genau zu prüfen, bevor sie sich einer Einweihung unterzogen.« Durch die schnelle Verbreitung und Popularität des Tantra, verbreitete sich auch die Vorstellung unbedingter Loyalität zum Lama, was dann wiederum die nicht-tantrische Lehrer-Schüler-Beziehung beeinflusste.

[39] Dreyfus, 2003:20

 

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Juni 2009, Tenzin Peljor
überarbeitet: 30.Mai.2010

Tibetischer Buddhismus (PDF-Datei)1

 

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