„Liebe heißt sehen, dass auch der Meister fehlbar ist“

Ein Interview mit Werner Vogd
Professor für Soziologie an der Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke

Hinweis: Die kurze Fassung des Interviews erschien in BUDDHISMUS aktuell 3/2019.

Buddhistische Lehrerinnen und Lehrer brauchen zu ihrem eigenen Schutz eine starke Gemeinschaft, die sie immer wieder in ihre Schranken verweist, unterstreicht Professor Werner Vogd – ein Gespräch über heilsame und unheilsame Dynamiken der Lehrer-Schüler-Beziehung aus soziologischer Perspektive.

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BUDDHISMUS aktuell: Herr Professor Vogd, Sie sind Soziologe, haben einen Lehrstuhl an der Universität Witten/Herdecke und befassen sich als Forscher mit den sozialen Dynamiken von Krankenbehandlung und Psychotherapie. Seit 2013 untersuchen Sie auch die spirituelle Entwicklung von Buddhistinnen und Buddhisten in sechs verschiedenen Gemeinschaften, die im Westen vertreten sind. Inwiefern gehören nun Missbrauchsdebatten innerhalb des Buddhismus zu Ihrem Forschungsfeld?

Werner Vogd: Das Thema spirituelle Entwicklung interessiert mich nicht zuletzt aus persönlichen Gründen schon lange. Glücklicherweise haben wir von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine Finanzierung für dieses recht große Projekt bekommen. Wir haben eine Vielzahl von Gesprächen mit Anfängern, Fortgeschrittenen, Langzeitpraktizierenden und Lehrern geführt. Neben Vipassana und zwei Zen- Schulen haben wir auch Rigpa als eine der erfolgreichsten Gruppen des tibetischen Buddhismus in unsere Untersuchung aufgenommen. Missbrauch war eigentlich nicht unser Thema, doch da sich zeigte, dass einige unserer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner von Rigpa stark unter ihren Erfahrungen leiden, sahen wir uns in der Verantwortung, das Thema ernsthaft aufzuarbeiten.

BUDDHISMUS aktuell: Sie führen im Rahmen Ihres Forschungsprojektes sehr viele Interviews. Aus eigener langjähriger Erfahrung in einer großen Gemeinschaft weiß ich allerdings, dass das Phänomen spirituelle Gemeinschaft sehr viele Ebenen hat und sehr komplex ist. Das macht es selbst bei gutem internen Wissen schwierig, zu sicheren Einschätzungen über das zu kommen, was in einer Gemeinschaft geschieht. Wie können Sie sich sicher sein, über Ihre Interviews genügend Einblick für wissenschaftliche Analysen erhalten zu haben?

Werner Vogd: Um die Frage zu beantworten, möchte ich ein wenig ausholen. Die Untersuchung von Rigpa ist ja nur ein Teil einer größeren Studie, mit der wir aufzeigen möchten, wie es Menschen auf dem buddhistischen Befreiungsweg möglich ist, Glück und Heil zu finden, und welche Hindernisse und Probleme sich ihnen in den Weg stellen. Was bedeutet es nun, „Glück und Heil“ zu finden? Heil zu sein heißt ganz – und nicht gespalten – zu sein. Es bedeutet, das eigene Leben und die eigene Geschichte grundlegend annehmen zu können, ohne nach etwas anderem zu streben oder jemand anderes sein zu wollen. Dies ist sehr, sehr schwer, denn wir sind ja das Ergebnis einer Vielzahl unterschiedlicher, oftmals konflikthafter Beziehungen. Da wir aber alle auch unschöne Dinge, Traumatisches erlebt haben, möchten wir oftmals gerade nicht diejenige oder derjenige sein, die oder der wir geworden sind, sondern richten uns lieber in Fantasien ein. Da kann eine spirituelle Lehrerin, ein spiritueller Lehrer noch so sehr darauf hinweisen, dass nichts anderes zu tun ist, als in der Gegenwart zu sein – die Schülerinnen und Schüler werden dennoch weiterhin Gefahr laufen, den spirituellen Pfad misszuverstehen und ihn dazu zu missbrauchen, vor ihrer eigenen Wirklichkeit zu fliehen. Entweder glauben sie, dass die Erlösung in den ekstatischen Zuständen liege, welche man ab und zu in der Meditation oder während einer Belehrung erleben kann. Oder sie richten sich darin ein, die Antworten, welche die Lehren Buddhas geben, nur in abstrakter, symbolischer Form zu leben. Sie halten sich etwa nach ein paar Gelübden für einen Bodhisattva, um dann gönnerhaft allen Wesen zu helfen, obgleich es in ihnen auf einer tiefen Ebene weiter brodelt, sie also ihre seelischen Abgründe nicht wirklich anschauen und annehmen können.

BUDDHISMUS aktuell: Können Sie den psychologischen Mechanismus dahinter noch ein wenig genauer fassen?

Werner Vogd: Ein Beispiel: Jemand ist von einem Menschen, mit dem er oder sie in Vertrauen oder Liebe verbunden war, misshandelt und enttäuscht worden. Da wir jedoch von den Menschen und Umständen, mit denen wir leben, nicht wirklich getrennt sind, werden solche Erfahrungen unweigerlich zu einem Teil unserer selbst. Wir werden misstrauisch und beginnen andere Menschen schlecht zu behandeln, da wir selbst nicht mehr vertrauen können. Sich nun aber in einen spirituellen Kokon einzuwickeln, in dem alles gut scheint, hieße blind zu bleiben und vor sich selbst wegzulaufen. Heilung ist demgegenüber nur möglich, wenn es gelingt, die eigenen Ängste, die eigene Wut, die eigene Verzweiflung, Enttäuschung oder Depression auf der tiefsten Ebene zu spüren und kennenzulernen. Wenn dies passiert, kann etwas Wunderbares geschehen: Das eigene Leiden beginnt in Mitgefühl umzukippen, in ein tiefes Verstehen und damit verschwindet das Leiden. Die alten Reaktionsmuster lösen sich plötzlich auf.

Auf einmal ist es nicht mehr nötig, die eigene Geschichte – buddhistisch könnte man sagen: das eigene Karma – abzuwehren und zu verdrängen. Die eigene Geschichte wird nun vielmehr zu einer Ressource, anderen Menschen offen und mitfühlend zu begegnen. Man braucht nun weder vor sich selbst noch vor anderen etwas zu verbergen und fühlt sich im Tiefsten frei. Aufgrund unserer Untersuchung wissen wir, dass dies so funktioniert, haben aber auch gelernt, dass es oftmals zehn, zwanzig Jahre oder noch länger dauert, um in dieser Tiefe Mitgefühl für sich zu entwickeln.

BUDDHISMUS aktuell: Wie hängt nun dieses Verständnis von Heilung zusammen mit der Frage, wie Sie zu sicheren Einschätzungen und Einblicken kommen können durch Ihre Interviews?

Werner Vogd: Aus den vielen Interviews, die wir geführt haben, ist uns klar geworden, dass Heilung nur möglich ist, wenn es – wie oben beschrieben – gelingt, auf der tiefsten Ebene zu eigenen menschlichen Natur ja zu sagen. An dieser Stelle hat sich für uns eine entscheidende Weichenstellung gezeigt: Befreiung und Heil sind nicht erreichbar, wenn wir uns in einem spirituellen Materialismus einrichten, sondern nur, wenn es uns gelingt, Mitgefühl für uns selbst zu entwickeln. Indem wir nun den Weg der Befreiung so definieren konnten, hat sich für uns zugleich ein methodologischer Zugang eröffnet. Da sich die Befreiung im gesamten Selbst- und Weltverhältnis eines Menschen ausdrückt – sozusagen in seinem ganzen System –, brauchen wir ihm bloß hinreichend Raum zu geben, sich zu offenbaren, um zu wissen, wo er steht. Wenn wir den Gesprächspartnerinnen und - partnern offen begegnen, treten die Gefühle und Ambivalenzen, die sie sich selbst gegenüber haben, für ihre Mitwelt unverschleiert zutage.

In der Analyse der Gesprächsprotokolle haben wir darum besonders darauf geachtet und tun dies auch weiterhin, wo in den Erzählungen Brüche und Dissonanzen auftreten. Wir haben auch darauf geachtet, ob sich im Gespräch ein biografischer Verlauf zeigt, der im oben genannten Sinne in eine Heilung mündet, oder ob umgekehrt eine problematische Spaltung vertieft wird. Mit recht komplexen Werkzeugen – sprachwissenschaftlichen und so genannten phänomenologischen Methoden – lässt sich dies heutzutage recht präzise herausarbeiten und entsprechend sind wir uns ziemlich sicher, dass unsere Ergebnisse im Großen und Ganzen die Sache treffen, wenngleich wir uns in der Interpretation mancher Details sicherlich auch mal geirrt haben.

BuchcoverWerner Vogd, „Der ermächtigte Meister: Eine systemische Rekonstruktion am Beispiel des Skandals um Sogyal Rinpoche“, Carl-Auer Verlag, Heidelberg, 2019, 137 Seiten, 19,95 €

BUDDHISMUS aktuell: Sie beschreiben in Ihrem Buch – sehr anspruchsvoll – die vielen Ebenen, die in der buddhistischen Lehrer-Schüler-Beziehung mitschwingen, vor allem im tantrischen Buddhismus. Dieses sehr komplexe Geschehen führt dazu, dass Menschen starke Ambivalenzen empfinden können, also sich innerlich hin- und hergerissen fühlen zwischen verschiedenen Einschätzungen dessen, was sie mit dem Meister oder in der Gruppe erleben. Könnten Sie das mal an ein, zwei Beispielen anschaulich machen?

Werner Vogd: Ein gutes Beispiel ist die Dynamik des Zweifels hat sich bei einem Kursleiter gezeigt, der seit mehr als zehn Jahren bei Rigpa engagiert ist. Wir haben das Gespräch zu einem Zeitpunkt geführt, als der Skandal um das Verhalten von Sogyal Rinpoche noch nicht so breit öffentlich war, wie er das heute ist, und haben ihn auch nicht darauf angesprochen. Die Essenz des Interviewgesprächs lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: „Ich weiß, da sind objektiv Sachen bei Sogyal gelaufen, aber ich möchte den Zweifel nicht haben, deshalb schiebe ich den Zweifel weg, da ich nicht hinschauen will. Ich möchte Sogyal weiterhin lieben können, denn er ist ja mein Meister. Zudem möchte ich die buddhistischen Lehren um nichts preisgeben.“

Da dieser Kursleiter seinen Zweifel abgespalten hat und auch seine eigenen Wahrnehmungen wegschiebt, kann es ihm nicht gelingen, für seinen eigenen ambivalenten Zustand Mitgefühl zu entwickeln. Entsprechend kann er, wie im Interview recht deutlich wurde, auch anderen Schülerinnen und Schülern, die an Sogyal zweifeln, kein Mitgefühl entgegenbringen. Er kann nicht anders, als sie emotional abzuwehren. Da dasselbe mit ihm geschieht – er wird seinerseits von für ihn wichtigen Mitgliedern Rigpas ermutigt wegzuschauen –, entsteht ein System der kollektiven Kultivierung von Unwissenheit. Zudem offenbart sich hier ein nur formales Verständnis der Liebe zum Lehrer. Er wird nur in seiner Rolle geliebt, jedoch nicht als ganzer Mensch – der wie jeder andere Mensch fehlbar ist. Vielleicht können wir hierüber später noch ausführlicher reden.

Um ein zweites Beispiel zu nennen: Wir haben auch mit einem sehr engagierten Schüler gesprochen, der unter anderem das siebenjährige so genannte „Home-Retreat“ von Rigpa absolviert hat. Als er vom Ausmaß des Fehlverhaltens seines Lehrers erfuhr, hat er sich von Sogyal abgewendet. Doch immer wenn er sich weiterhin zum Meditieren hinsetzte, erschien das Bild seines ehemaligen Lehrers vor seinen Augen, so dass er schließlich seine spirituelle Praxis abbrechen musste, denn den Schmerz über den Vertrauensbruch konnte er nicht ertragen. Nach drei Jahren haben wir nochmals mit diesem Schüler gesprochen. Es zeigte sich, dass er durchaus bereit wäre, Sogyal seine sexuellen und anderen Eskapaden zu vergeben, wenn der diese offen zugeben würde.

Dies ist ein wichtiger, wenn nicht gar der zentrale Punkt, denn hier entscheidet sich, ob die Enttäuschung geheilt werden kann oder ob das spirituelle Trauma vertieft wird. Aufgrund des leider auch von Sogyal Rinpoche und anderen hohen Lamas gepflegte Tabu, nicht über die Sache zu reden, wurde den Schülerinnen und Schülern von Rigpa genau das Gegenteil von dem eingeimpft, was die Grundbedingung eines jeden ernsthaften spirituellen Weges ist: bereit sein, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Dies ist gerade deshalb so fatal, weil es verhindert, Mitgefühl für sich selbst und andere zu entwickeln.

BUDDHISMUS aktuell: Wenn Vorwürfe gegen einen Dharmalehrer laut werden – wegen sexualisierter Gewalt und anderen Fehlverhaltens, derzeit steht ja so einiges im Raum –, gibt es immer auch Schülerinnen und Schüler, die sich dieser neuen Realität verweigern, entweder solches Verhalten ganz in Abrede stellen oder aber die Fakten zwar bestätigen, aber eine kritische Einschätzung weit von sich weisen. Was geht da aus Ihrer Sicht psychologisch vor sich?

Werner Vogd: Es ist verständlich, dass man mit etwas Unangenehmem, etwas Traumatischem nichts zu tun haben möchte. Da es nahezu allen so geht, entsteht leicht eine systemische Dynamik, wonach gerade die Menschen, die wegschauen oder vorgeben, souverän mit der Sache umzugehen, von den anderen aus der Gruppe Bestätigung erfahren. Jeder, der die Sache wirklich an sich heranlässt, wird tief erschüttert sein. Möglicherweise wird er tagelang über das Geschehene weinen und für lange Zeit zwischen Wut und Verzweiflung pendeln, bevor er wieder Mitgefühl für sich und andere entwickeln kann. Es wundert deshalb kaum, dass viele Schülerinnen und Schüler diesen großen Schmerz nicht wahrnehmen möchten und stattdessen zu Rationalisierungen und Scheinbegründungen Zuflucht nehmen. Zu dem Schmerz gesellt sich leider auch noch die Angst vor der Einsicht, dass man möglicherweise selbst zu dem Leid beigetragen hat, da man das System aus Tabus und Täuschungen ja selbst mit aufrechterhalten hat.

BUDDHISMUS aktuell: Sie haben gerade den Begriff „systemtisch“ verwendet. Auch in Ihrem Buch und in Ihrer Forschung geht es Ihnen darum, den Themenkomplex „Sogyal Rinpoche und die Gemeinschaft, in der er lehrt“ systemisch zu betrachten: Was meinen Sie mit systemisch und warum ist eine solche Betrachtungsweise an dieser Stelle wichtig?

Werner Vogd: Systemisch heißt, auf Beziehungen zu schauen, die sich dann zu Strukturen verhärten können. Es heißt, davon Abstand zu nehmen, einem einzelnen Individuum die Schuld oder nur da die Ursache zu suchen zu geben. Eine solche Haltung steht der buddhistischen Perspektive recht nahe. Das Gesetz des bedingten Entstehens (paticcasamuppada) besagt ja, dass es keinen festen Persönlichkeitskern gibt, sondern ein komplexes Geflecht von Ursachen und Wirkungen, aus dem heraus all die uns bekannten Verstrickungen sowie die hiermit einhergehenden Leiden erwachsen.

Die systemische Perspektive macht deutlich, dass auch der Lehrer ein Opfer der Verhältnisse ist: Die Schülerinnen und Schüler verehren ihn. Sie glauben, dass er über übernatürliche Fähigkeiten verfüge, und überschütten ihn mit Liebe. Jedem Menschen würde so etwas zu Kopfe steigen. Auch in den einschlägigen buddhistischen Schriften wird ja deutlich formuliert, dass Eitelkeit und Dünkel die Fessel ist, die sich am schwersten überwinden lässt. Wer zudem psychisch verletzlich ist und zudem keine guten Freundinnen und Freunde hat, die ihn bremsen, beginnt unweigerlich seinem eigenen Narzissmus aufzusitzen. Er wird selbst glauben, dass er ein allmächtiges Bodhisattva-Wesen sei. Je mächtiger ein spiritueller Meister wird, desto mehr braucht er Menschen, die ihm begreiflich machen, dass die mit dem Lehreramt einhergehende Erhabenheit nicht seine eigene ist, sondern sich einem Rollengefüge verdankt, das er nicht selbst ist. Für mich besteht eine der wichtigsten Einsichten unserer Studie darin, dass man Lehrerinnen und Lehrer nicht alleine lassen darf, sondern dass es zu ihrem eigenen Schutz starker Akteure bedarf, die sie immer wieder in ihre Schranken verweisen.

BUDDHISMUS aktuell: Wie verhält sich eine solche systemische Perspektive zu einer moralischen, in der man entweder moralisch verurteilt, was zwischen Sogyal Rinpoche und manchen seiner Schülerinnen und Schüler geschehen ist, oder indem man es moralisch zu legitimieren sucht?

Werner Vogd: Damit sind wir bereits beim Kern des Problems. Wir treffen auf Menschen – Schülerinnen, Schüler, langjährige Gefährten oder andere Lamas –, die Sogyal entweder zu einem Unmenschen oder zu einem Übermenschen erklären. Im letzteren Falle konstruiert man den Lehrer als eine gottähnliche Person. Man glaubt, dass er magische, übernatürliche Fähigkeiten besitze. Jede seiner Handlungen wird als heilig und als Segen gesehen. Ein Lama aus der Gelugpa-Schule hat mir einmal erzählt, dass er in den 1970er-Jahren einer Gruppe westlicher Interessenten geholfen habe, einen hohen tibetischen Würdenträger nach Deutschland einzuladen. Nach einigen Tagen wunderte er sich, warum die deutschen Gastgeber ihm nichts zu essen und zu trinken anboten. Auf die Frage nach den Gründen antworteten sie, der Lama sei doch so verwirklicht, dass er nichts mehr zu sich zu nehmen brauche. Oder ein noch dramatischeres Beispiel: Ösel Tenzin, der als Nachfolger von Chögyam Trungpa das Naropa Institut in den USA geleitet hat, war leider der festen Überzeugung, dass seine AIDS-Erkrankung beim Geschlechtsverkehr nicht übertragen werde, da er durch Mantren und die hiermit assoziierten tibetischen Schutzgeister vor weltlichem Unheil geschützt sei.

Westliche Schülerinnen und Schüler neigen dazu, den Dharmalehrer als übermenschliches Wesen zu stilisieren, das physikalische und biologische Gesetzlichkeiten überwunden hat und zudem hellsichtig und allwissend ist. Es fällt uns schwer zu akzeptieren, dass auch ein Zen-Meister oder ein hoher Lama nur ein Mensch ist, der sich irren kann und manchmal seinen Trieben ausgeliefert ist – ein Mensch, der wie jeder andere an einer psychischen, neurologischen oder sonstigen Erkrankung leiden kann. Doch ob es uns gefällt oder nicht: Auch ein hoch kompetenter spiritueller Lehrer kann von Demenz heimgesucht werden oder einer Alkohol- oder Sexsucht zum Opfer fallen.

Doch was machen wir, wenn wir enttäuscht sind? Wir verfallen ins andere Extrem: Wir erklären den zuvor verehrten Meister nun zum Unmenschen. Damit vergessen wir, dass jeder Mensch fehlbar ist und auch bei uns unter bestimmten Konstellationen die kognitiven und moralischen Fähigkeiten versagen können. Indem wir uns jedoch moralisch für besser halten als andere, nehmen wir uns die Chance, unsere eigenen Schwächen anzusehen. Dies macht die Sache jedoch keineswegs besser, sondern noch schlimmer. Denn wie können wir ganz sein, heil sein, wenn wir uns nicht als das sehen können, was wir sind: Wesen, die von Gier, Hass und Unwissenheit gezeichnet sind? Wie können wir auf dieser Basis Mitgefühl für uns selber gewinnen? Jeder von uns ist fehlbar und wird sich selbst und anderen Menschen Leid zufügen. Der „Unmensch“ und der „Übermensch“ sind also zwei Seiten derselben Medaille – beides hindert uns daran, die Dinge so zu sehen, wie sie sind.

BUDDHISMUS aktuell: Was Sie da umreißen, ähnelt dem Verlauf manch einer romantischen Liebesgeschichte und in Ihrem Buch schreiben Sie ja auch: „Sich einem spirituellen Pfad hinzuwenden ähnelt in vielerlei Hinsicht einer Liebesbeziehung“.

Werner Vogd: Einen anderen Menschen zu lieben heißt, ihn vollkommen anzunehmen, wie er ist, mit ihm jeden Augenblick Mitgefühl und Mitfreude zu empfinden. Das ist etwas Wunderbares. Sobald man jedoch beginnt, die mit der anfänglichen Ekstase einhergehenden Vorstellungen und Empfindungen für ewig, wahr und dauerhaft zu halten, verliert man die Liebe unweigerlich wieder. An ihre Stelle rücken nun Konzepte und Stereotypen. Echte Liebe geht demgegenüber mit der Fähigkeit einher, die Vergänglichkeit auf einer tiefen empfindungsmäßigen Ebene anzuerkennen.

Man hat einen Partner oder eine Partnerin, den oder die man liebt und mit dem man tolle Stunden verbracht hat. Doch auf einmal entwickeln sich die Dinge anders. Plötzlich stellt sich heraus, dass der andere krank ist. Beispielsweise hat er oder sie einen Hirntumor oder es deutet sich an, dass er oder sie eine Sucht nicht in den Griff bekommt. Ein Teil in uns sieht die Wirklichkeit, doch ein anderer Teil beginnt das Gesehene zu verdrängen. Man beginnt die Selbsttäuschung mit Liebe zu verwechseln und richtet sich in seinen eigenen Fantasien und Projektionen ein. Hiermit ist jedoch kein wirkliches Mitgefühl mehr möglich, denn dies würde bedeuten, den anderen in seiner ganzen menschlichen Tragik, auch in seinem Scheitern in Hinblick auf seine Aufgaben und weltlichen Belange wahrnehmen zu können.

BUDDHISMUS aktuell: Im Selbstverständnis des tibetisch-tantrischen Buddhismus nimmt der Meister eine besondere Rolle ein. Wenn Schülerinnen und Schüler ihn als ideales erleuchtetes Wesen imaginieren und mit dieser Projektion verschmelzen, erzeugen sie sich selbst als Buddha. Dazu setzt der Meister noch die „verrückte Weisheit“ ein, indem er seinen Schülerinnen und Schülern gegenüber bewusst mit gängigen Sitten und Erwartungen bricht. Das klingt doch beides nach einem plausiblen und vielversprechenden Weg – und einige der Erfahrungsberichte in Ihrem Buch zeigen ja auch, dass Menschen sich von diesen Formen der Praxis tief berührt und transformiert fühlen. Alles nur Einbildung und Selbsttäuschung?

Werner Vogd: An sich bietet der tantrische Buddhismus einen schönen und zumindest theoretisch überzeugenden Weg an. Leider wird er so oft missverstanden. Betrachten wir beispielsweise die folgenden beiden, meines Erachtens wohl wichtigsten tantrischen Gelübde: die Verpflichtung, sich darin zu üben, „niemals die Liebe zu den Wesen zu verlieren“, und dies „an der Person des Lamas“ zu trainieren. Wer dies wirklich tut, kann lernen, dass der Lehrer nichts anderes ist als man selbst – auf diese Weise kann sich tiefes Mitgefühl für die eigene Vergänglichkeit wie auch für unsere typisch menschlichen Schwächen entwickeln.

Doch es ist nicht leicht zu begreifen, dass der Kern eines jeden spirituellen Weges darin liegt, uns Menschen als schwache, leidende, von anderen abhängige Wesen zu erkennen. Wir möchten lieber daran glauben, dass ein allmächtiger Meister uns mit einem Trick in den Buddha-Himmel katapultieren kann. Jeder ernst zu nehmende Lehrer, jede ernst zu nehmende Lehrerin wird, sobald seine Schülerlinnen und Schüler vertrauen, versuchen mit dieser Erwartung zu brechen.

In unserer Studie konnten wir feststellen, dass es Zen- und auch Vipassana-Lehrern oft recht gut gelingt, diese Illusionen aufzudecken. Die Schülerinnen und Schüler kommen zu ihnen mit ihren Phantasien in Hinblick auf Erleuchtung und Befreiung, aber der Lehrer enttäuscht sie, was sie in einem guten Sinne zurück ins Leben führt.

Im Falle von Sogyal Rinpoche, der sich ja besonders auf die „verrückte Weisheit“ kapriziert, scheint diese Figur in der Lehrer-Schüler-Interaktion nicht so recht zu funktionieren. Sie schlägt vielmehr ins Gegenteil um. Wenn er Tische umschmeißt oder seine Schülerinnen sexuell demütigt, führt dies bei den Betroffenen in der Regel nicht zu der heilsamen Einsicht, dass sich hinter diesen Handlungen nichts Transzendentes verbirgt – also ein umgeschmissener Tisch nur ein umgeschmissener Tisch und grober Sex nur grober Sex ist. Vielmehr, dies zeigen unsere Interviews, wird die Illusion noch verstärkt, dass man einen mit besonderen magischen Qualitäten ausgestatteten Meister vor sich habe. Anstelle des Erwachens verstärkt sich die Selbsttäuschung und damit besteht die Gefahr der destruktiven Enttäuschung, die gerade nicht mit einem erleuchteten Geisteszustand einhergeht, sondern mit Zweifeln, Depression und Selbsthass.

BUDDHISMUS aktuell: Einige Menschen fühlen sich auch traumatisiert, wenn massive Kritik an ihrem Lehrer öffentlich wird. Das Fundament, auf dem ihr Leben seit Jahren ruht, scheint unter ihren Füßen zusammenzubrechen. Gibt es Möglichkeiten einer Bewältigung jenseits von kritiklosem Weitermachen oder wütendem Sichabwenden? Kann man sich dafür öffnen, dass der Meister sich in einer fragwürdigen Weise verhalten hat oder verhält – und trotzdem in der Beziehung bleiben?

Werner Vogd: Ja, ich habe es ja vorher schon angedeutet: Man muss bereit sein, ihn radikal als Menschen zu sehen, der wie jeder andere krank, süchtig, psychisch gestört, verblendet und in anderer Weise fehlbar sein kann. Um dies jedoch leisten zu können, bedarf es erst einmal des Mitgefühls sich selbst gegenüber. Ich muss mir eingestehen, dass ich selbst verblendet war, vielleicht zwanzig oder dreißig Jahre einer Täuschung aufgesessen bin. Ich muss mir vergeben können, dass ich andere Menschen in diese Illusion hineingezogen habe, meinerseits dazu beigetragen habe, andere Menschen daran zu hindern, Klarheit zu gewinnen, indem das Offensichtliche ans Licht gebracht wird. Das ist alles andere als leicht.

BUDDHISMUS aktuell: Im Buddhismus geht es immer wieder um die Versenkung, das Schweigen, das Eingeständnis eines fundamentalen Nichtwissens. Wie soll es mir, wenn ich das übe, auf der anderen Seite gelingen können, kritisch zu bleiben – vielleicht sogar gegenüber dem idealisierten Lehrer?

Werner Vogd: Wir irren uns, immer wieder werden wir uns irren. Jeder und jedem von uns geht es so und das ist ja auch beruhigend, denn dann wissen wir, dass wir mit unserer Unzulänglichkeit nicht allein sind. Auch in diesem Punkt sind wir – alle Menschen – gleich. Vom Baum der Erkenntnis zu essen bedeutet, schuldig zu werden, da wir unweigerlich dazu neigen, unseren Projektionen und Konzepten aufzusitzen, und das hiermit einhergehende Leid verantworten zu müssen.

Dies lässt sich aber auch ins Positive wenden. Mitfühlendes Handeln heißt dann immer auch: Ich muss schuldig werden. Ich nehme mit vollem Bewusstsein an, dass es weh tut, wenn ich Verantwortung übernehme. Natürlich fühlt es sich nicht gut an, seinen Lehrer zu kritisieren, ihn von seinen Ämtern zu entheben oder gar dazu beizutragen, dass er möglicherweise im Gefängnis landet. Die hiermit einhergehende Ambivalenz werde ich jedoch ertragen können, wenn ich immer im Bewusstsein behalte, dass der andere genauso ein Mensch ist wie ich selbst, also meine Liebe und mein Mitgefühl verdient, egal was er getan hat. Er wird – ebenso wie ich – Millionen Mal das Ziel verfehlen und deshalb anderen gegenüber schuldig werden.

Ich glaube, einem Soziologen fällt es berufsmäßig etwas leichter, die buddhistische Lehre vom Nicht-Ich zu verstehen, denn für uns ist es klar, dass ein Mensch nicht von sich aus gut, schlecht, gnädig, heilig oder verblendet ist, sondern dass er auch seine vermeintlich innersten Qualitäten der Gnade anderer verdankt. Deswegen nehmen Menschen, welche Befreiung suchen, ja auch die dreifache Zuflucht: zu dem Buddha, der den Weg vorlebt, zu dem Dhamma, dem Gesetz der bedingten Entstehung, und zu der Einsicht, dass sich unser Ich-Empfinden nicht sich selbst verdankt. In seiner Bedeutung kaum zu unterschätzen ist dabei der Sangha, die Gemeinschaft der Praktizierenden. Hier zeigen die Menschen einander, was richtig ist und wohin der Weg führt. Eine Lehrerin, ein Lehrer kann nur so gut sein wie die Gemeinschaft, die sie oder ihn kultiviert. Damit wird aber auch deutlich, welche Verantwortung insbesondere die langjährigen Mitglieder von Rigpa jetzt haben. Sind sie bereit, sich dem Dilemma „Unmensch und Übermensch“ in der radikalsten Form zu stellen, also anzuerkennen, dass sie sich getäuscht und dass sie andere getäuscht haben? Sind sie bereit, ihre eigenen Fehler anzuschauen und sich selbst hierfür zu vergeben? Sind sie bereit, auch harte, schmerzhafte Entscheidungen zu treffen, um einen Neuanfang zu symbolisieren, auch indem sie liebgewonnene Akteure, die besonders zur Kultivierung der Täuschung beigetragen haben, aus den leitenden Positionen zu entlassen?

Der einzige Weg, an dem Dilemma „Unmensch und Übermensch“ nicht zu verzweifeln und stattdessen das Problem zu transzendieren, besteht darin, Mitgefühl für sich selbst und andere zu entwickeln. Wenn zudem die Einsicht wächst, dass ich meine Welt und mein Erleben nicht mir, sondern anderen verdanke, entsteht auf natürliche Weise eine systemische Sichtweise, mit der klar wird, was zu tun ist, um die Welt ein wenig besser zu machen, ohne dabei die Liebe und das Mitgefühl zu den Menschen zu verlieren.

Insbesondere auch aus unseren Forschungsprojekten in der Psychiatrie haben wir gelernt, wie dies möglich sein kann. Auf der einen Seite begegnen wir hier Patientinnen und Patienten, die ihren Wahn und ihre Süchte nicht in den Griff bekommen und sehr vielen Menschen Leid zugefügt haben. Auf der anderen Seite sind da Menschen, die sie pflegen, unterstützen und mit ihnen mitfühlen, sie jedoch zugleich daran hindern, weiterhin unheilvolle Taten zu begehen. Dies ist echtes Mitgefühl: mit offenen Augen hinzuschauen, zu erkennen, wann der andere sich nicht unter Kontrolle hat, und ihn notfalls mit Gewalt daran zu hindern, sich selbst und anderen zu schaden.

BUDDHISMUS aktuell: Vielen Dank für das Gespräch!  ■


Das Gespräch führte Susanne Billig.

Der Artikel erschien in einer Kurzversion in ‚Buddhismus aktuell‘ 03/2019. Online-Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis von Werner Vogd.

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Werner Vogd ist Professor für Soziologie an der Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung, Organisation und Entscheidungsprozesse, naturwissenschaftliche Denkformen, Religionssoziologie, insbesondere des Buddhismus. Sein neues Buch und das Gespräch beziehen sich auf seine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Studie „Buddhismus im Westen“.